Die 200-Tage-Linie – Mythos eines vollkommen nutzlosen Indikators

Einige Publikationen hinterlassen bei mir immer wieder ein Kopfschütteln – schier unglaublich ist die Hartnäckigkeit mit der einige Börsenmythen Jahrzehnte überdauern – der Mythos 200-Tage-Linie ist das perfekte Beispiel, warum einem nichts anders übrig bleibt, als sich selbst um seine Geldanlage zu kümmern. Eine Börsenpublikationswutrede:

Gestern habe ich in der Musterdepot Besprechung des Handelsblattes ein aktuelles Update zum Markt vom Redakteur Georgios Kokologiannis gelesen – “Handelsblatt – Eine selbst erfüllende Prophezeiung“. In diesem wurde die 200-Tage-Linie einmal mehr als Indikator dafür herangezogen, dass bis Weihnachten fallende Notierungen drohen, weil eben diese Linie in den letzten Tagen von oben nach unter vom DAX durchbrochen wurde. Kokologiannis, der in der Infobox selber angibt, er würde sich seit 13 Jahren beim Handelsblatt mit Geldanlagethemen beschäftigen, schreibt konkret:

Hintergrund ist, dass der deutsche Leitindex nach dem heftigen Rückschlag der vergangenen Woche seiner sogenannten 200-Tage-Linie bedrohlich nah gekommen ist, die derzeit bei rund 9.530 Punkten verläuft. Rutscht der DAX darunter, dann könnte es im Anschluss laut Einschätzung der Experten bis auf das Jahrestief von 8.355 Zählern runtergehen.

und erläutert später weiter…

Welche Dynamik dadurch tatsächlich entstehen kann, dass viele Investoren diese Linie als Orientierungspunkt nutzen, konnte man in diesem Jahr bereits mehrfach beobachten – zum Beispiel Mitte November: Nachdem der DAX die 200-Tage-Linie von unten nach oben überraschend durchstoßen hatte, kletterte das Börsenbarometer anschließend schubartig…

Das ist leider wenig hilfreich für Anleger und wer bitteschön sollen die zitierten Experten sein oder direkter – nachweislich schlichtweg falsch und damit nichts anderes als Missinformation und böses mediales Rauschen, dass einen als Anleger keinen Schritt voranbringt, höchstens näher an Verluste.

Kokologiannis ist mit diesem Irrtum nicht alleine – noch viel verklärender hat Angela Göpfert von der ARD in dem folgenden Artikel im Juli diesen Jahres die 200-Tage-Linie gepriesen: Die 200-Tage-Linie als Maß aller Dinge . Mit einer einfachen Google Suche findet man unzählige ähnliche Beiträge in Publikationen jedweden Seriösitätslevels – lustigerweise auch von diversen Banken.

Das Märchen von der 200-Tage-Linie

Die 200-Tage-Linie oder auch SMA 200 (Simple Moving Average = Gleitender Durchschnitt) ist einfach erläutert und das scheint für mich auch der einzige erklärbare Grund für seine Popularität zu sein. Als Trendfolge-Indikator, der per Definition Handlungsempfehlungen generieren soll, ist er nämlich in dieser am meisten genutzten Version vollkommen nutzlos.
Die 200-Tage-Linie ist nichts anderes als der Durchschnitt der letzten 200 Handelstage. Die landläufige Meinung oder besser der Mythos besagt, dass ein Durchschneiden von unten nach oben ein Kaufsignal generiert und umgekehrt von oben nach unten ein Verkaufssignal – gleichzeitig sei er ein Widerstand, wenn der Basiswert von oben oder unten die 200-Tage-Linie berührt, könne dadurch ein neues Kauf- oder Verkaufssignal generiert werden.

So weit, so einfach, so falsch!

Warum die 200-Tage-Linie als Indikator nichts taugt – der DAX als Beispiel:

Testen wir die Funktion des vermeintlichen Indikators 200-Tage-Linie einmal beim DAX (siehe folgendes Bild):

200-Tage-Linie - Analyse und Aussagekraft beim DAX

200-Tage-Linie – Analyse und Aussagekraft beim DAX

A: Hier wird im Januar 2012 die 200-Tage Linie beim DAX durchschnitten, danach fungiert Sie als Widerstand, so soll es eigentlich aussehen
B: Hier wird die Linie innerhalb von drei Monaten gleich mehrfach durchschnitten, ohne dass die 200-Tage-Linie irgendwo eine nennenswerte Unterstützung oder einen Widerstand darstellt
C, D, F, G: Hier wird es noch brenzliger. Hat man einen Einstieg “verpasst”, wird bei den einzelnen Aufwärtsbewegungen nicht ein einziges Mal die 200-Tage-Linie berührt – man erhält für die einzelnen Aufwärtswellen also kein Kaufsignal.
E: Auch hier scheint die 200-Tage-Linie einen Widerstand darzustellen.
H,I,J: Hier offenbart sich einmal mehr die Nutzlosigkeit der 200-Tage-Linie als Indikator. Munter wird von August letzten Jahres bis Dezember 2014 die Linie von oben und unten mehrfach geschnitten – wer hier die 200-Tage-Linie für seine Ein- und Ausstiege genutzt hat, wird mächtig Geld verloren haben.

Fazit: Am Ende sendet die 200-Tage-Linie nur bei A und E ein korrektes Signal. Bei den Punkten B, H, I und J im Gegenzug mehrfach Fehlsignale.

Ist der DAX eine Ausnahme? Schauen wir doch einmal auf den Goldpreis:

200 Tage SMA (Simple Moving Avergae) beim Gold

200 Tage SMA (Simple Moving Average) beim Gold

Hier wird in den gesamten letzten zwei Jahren mit der 200-Tage-Linie nicht ein einziges brauchbares Signal generiert.

Die 200-Tage-Linie ist als Indikator nutzlos – und das schon lange

Dieses Ergebnis ist keine Ausnahme, sondern die Regel und bereits seit Jahrzehnten bekannt. Schon Florek veröffentlichte in seinem Buch “Neue Trading Dimensionen” aus dem Jahr 2000 das gleiche Ergebnis (Seite 105) unter dem Titel “Ammenmärchen” und fällt ein noch vernichtenderes Urteil:

“…die so oft hervorgehobene 200-Tageslinie selbst hat nach meiner Erfahrung in keinem Markt dieser Welt irgendeine signifikante Aussagekraft…”

AMEN

Wenn Sie also in Zukunft irgendwo eine Analyse lesen, die auf der 200-Tage-Linie beruht: Ignorieren. Und gerne den Link zu diesem Artikel als Kommentar hinterlassen.

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3 thoughts on “Die 200-Tage-Linie – Mythos eines vollkommen nutzlosen Indikators

  1. Martin

    Probieren doch mal die 200er viel viel dicker zu zeichnen, gehe darüber long und darunter short. Natürlich braucht man zum Traden etwas Luft und daher eine Hysterese für Ein/Ausstiege. Die 200er ist das Herzstück des Aktienmarktes und verdient stets Aufmerksamkeit.

  2. WeltGeldTag Post author

    Hi M,
    danke für Deinen Hinweis. Eigentlich sollte der Artikel jedoch genau das belegen – der MA200 zeigt keinen Trend, zumindest keinen vorwärts gerichteten. Beispiel: In den letzten eineinhalb Jahren wurde die 200-Tage-Linie zehn mal geschnitten, ohne das wirklich nur ein einziges Mal von einem neuen Trend gesprochen werden kann.
    Ich möchte nicht missverstanden werden – gleitende Durchschnitte sind per se nicht schlecht, ich selber bin beispielsweise Fan der Bollinger Bänder, die zum Teil auch auf gleitenden Durchschnitten beruhen. Die Simplifizierung in vielen Medien, dass die 200 Tage-Linie als Timing für Einstieg oder Ausstieg genutzt werden kann ist jedoch schlichtweg falsch.

  3. M

    Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass die 200 MA Linie nichts taugt…für übergeordnete Trends reicht sie m.E. aus.
    Sich auf einen Indikator zu versteifen ist eine Sache, aber es ist auch Usus zu filtern. Dies kann man bei vielen Indikatoren, insb. bei MA’s, sehr gut. Dadurch werden Fehlausbrüche weitestgehend vermieden.

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